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6
Aug

Der Schlange und das Mehr – Teil 4

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ASPHALTPERLEN 

Meine Sozialisation machte aus mir den perfekten Beifahrer. Meine Eltern fuhren einen alten Audi 80 – in den Farben dunkelblau und Rost mit einer knallroten Motorhaube vom Schrottplatz, später einen grasgrünen Passat Kombi, dessen Kotflügel mein Vater mit einer Rolle Mattschwarz gestrichen hatte, um die Spachtelflecken zu kaschieren. Aus einer kindlichen Scham und Idiotie heraus verbot ich ihnen, mich von der Schule abzuholen. Sie taten es trotzdem. So lernte ich das Schweigen auf dem Beifahrersitz
Diesen Platz neben dem Steuer genoss ich erst mit 16: Was konnte sich ein pubertierender Hippie mit Dreadlocks auch Schöneres vorstellen, als eine junge Frau mit wallendem Haar und bunten Kleidern zur Freundin zu haben, die ihn mit ihrem eisblauen Mexico-Käfer durch die Gegend kutschierte. An der Seite ein Doors-Aufkleber, hinten die Friedenstaube und im Handschuhfach Creedence-, Stones- und Dylan-Tapes – so knatterten wir regelmäßig mit 34 PS gen Holland. Wir schraubten die Sitze zurück, bliesen eine 1,40 mal zwei Meter Matratze in der kleinen Karre auf und verbrachten wundervolle Tage am Meer. Wir lebten Freiheit, etwas unbeholfen zwar, aber wir taten es – so kompromisslos wie unsere damaligen Helden. Im Februar, wenn sich der Käfer unter einer dünnen Schneedecke versteckte und der Wind eisig über die Küste pfiff, mussten wir uns entscheiden, ob wir am Kippenqualm im Auto ersticken oder durch die Frischluft von draußen erfrieren wollten.

Der perfekte Beifahrer

Mit 18 kam die Frage: Ziehe ich mit ihr zusammen, oder mache ich meinen Führerschein? Ich folgte der Liebe. Selbstverständlich. Was sollte ich auch mit einem Auto, das ich mir eh nicht leisten konnte? Ich war doch der perfekte Beifahrer.

Die Beziehung zerbrach, der Wunsch nach motorisierter Selbstbestimmung blieb. Ein Jahr später  knarzte ich mit einer Hercules Prima GT, 86er BJ, durch die Gegend. Das Mofa gab mir einen Vorgeschmack, was es heißen könnte, mich in einem Umkreis von mehr als 20 Kilometern autonom bewegen zu können. Mit meinem Volontariat in Baden Württemberg kam der Führerschein, kam das Auto, kam die Freiheit. Ich liebte es stundenlang allein die Autobahnen zum Ruhrpott und zurück zu fahren. Die Klassik- und Jazz-Sender im Radio lösten die Hippies auf ihren Kassetten ab, und das frühere Gefühl von Abenteuer wurde von einer tiefen inneren Ruhe durchzogen.

Die Fahrt und das gleichmäßige Brummen des Motors, diese abgeschlossene Welt bekamen etwas Meditatives. Was ein Kapitän auf seiner Brücke inmitten des Atlantik empfinden muss, wenn eine Autobahn schon derartige Gefühle bei mir auslöst, wage ich mir gar nicht vorzustellen. Das Prinzip ist Freiheit!

 

Wo bleibt die Romantik?

Käpt’n Charly erzählte mir mal, dass die Computer und Container der Seefahrt die Romantik genommen hätten. Heutzutage geht viel Gefühl durch Technik verloren – ob nun auf See oder auf der Straße. Stotterte unser Käfer, zogen wir das „So wird’s gemacht“-VW-Käfer-Reparaturbuch aus dem Handschuhfach, fummelten an der Lichtmaschine und tuckerten weiter. Heute muss man erst den Laptop an den Motor schließen, um zu sehen, wo das Problem liegt. Die Autos sind uns fremd geworden. Zugegeben: Ich konnte noch keine Beziehung zu einer dieser durchgetunten Hightech-Prinzessinnen aufbauen, trotzdem denke ich: Autos müssen knattern, kantig sein und einfach. Es ist ein Gefühl. Youngtimer, zum Beispiel, tragen den Charme und die Seele einer vergangenen Zeit auf die Straße. Ein alter Opel Kadett wäre jetzt schick oder vielleicht sogar ein Audi 80 mit knallroter Motorhaube. Mittlerweile verdammt cool.

 

 

Bastian Schlange, 30, ist Journalist und Autor. Geboren in Wattenscheid, lebt er mittlerweile am Dortmunder Hafen. Ein Zechenkind mit Ankerherz

 

Hier geht es zu seinen letzten Kolumnen: 

Folge 3: Moin-Sager

Folge 2: Facebook und das Meer

Folge 1: Der Schlange und das Meer

 

Autor: ankerherz

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