Der besoffene Tätowierer
Mein erster Tätowierer war kein Pirat, obwohl er wie einer roch, und ein Papagei durch sein Studio flatterte. Ich sah den Vogel, dann einen gelangweilten Staffordshire-Terrier, dann leere Bierpullen und volle Aschenbecher. Er war mir von den Punks empfohlen worden, mit denen ich damals herumlungerte. Als guten Stecher kann ich ihn nicht bezeichnen, aber als billigen. Ich hatte die Motiv-Vorlage mit Siebzehn auf einem Pilz-Trip gezeichnet und ihn sie so tätowieren lassen. Das Ergebnis? Naja. Sagen wir mal, meine Drogenfantasien und seine zittrige Hand harmonierten. Die Punks hatten mir zwar den Tipp gegeben, einen Termin zur Mittagszeit zu vereinbaren, damit er genau die richtige Anzahl an Bieren intus hatte, um sauber zu stechen, aber gutes Timing lag mir nie. Eine Woche später besuchte ich ihn noch einmal nach der Schule und saß nach kaum fünf Minuten mit drei anderen Typen in seinem Hinterzimmer, hatte eine Kanne Bier in der Hand und beobachtete, wie ein Tütchen mit Schwarzem Afghanen herumging. Bei jeder Runde zuckte er in bester Fear-and-Loathing-Manier zusammen und stieß ein angewidertes „Uhhh. Ich darf gar nicht. Ich hab gleich noch einen Termin“ heraus, um dann noch einmal zu ziehen und das Tütchen weiterzureichen. Nach der dritten Runde beschloss ich, mir einen neuen Tätowierer zu suchen.
Mittlerweile passt das schäbige erste Tattoo zum Gesamtkonzept. Tribals, chinesische Schriftzeichen oder Old-School-Seemanns-Style – alles nicht mein Ding. Mein Konzept ist das Schlamperl, das vollgekritzelte Lederetui aus der Schulzeit. Viel Schrift, wenig Ästhetik, eine Menge Erinnerungen. Auf meiner rechten Flanke stehen die handschriftlichen Auszüge eines Vertrages, den ich in Bierlaune um morgens vier Uhr mit einem Kollegen aufsetzte. Wir wetteten um die Zukunft der Leerkassette. Man kann sie noch immer kaufen! Ich gewann, ließ mir den Vertrag auf den Hintern stechen, und mein Kollege schuldet mir noch heute eine LP und zwei 7-Inches. Jedes Tattoo hat seine Geschichte, die eine banal, die andere bedeutender. Für mich waren sie Erinnerungsmarker, um Ereignisse oder Erkenntnisse vor dem Vergessen zu bewahren. Essentiell.
“Wir leben in einer Zeit, die uns mit Sicherheiten sediert.”
Ich habe mich immer als Geschichtensammler verstanden, ob es nun meine eigenen waren oder die anderer. Seine Geschichten machen erst den Menschen, man ist nur die Summe der Erfahrungen. In letzter Zeit habe ich viel mit alten Seemännern gesprochen, Kapitänen und Schiffsköchen mit weißen Bärten und wettergegerbten Gesichtern. Sie erzählten mir vom Vietnamkrieg, von Bergungsschiffen, Taucherglocken und arktischen Forschungsstationen. Ganz zu schweigen von den Erinnerungen an die Kneipentouren, als sie in den 50er und 60er Jahren in den Häfen der Welt anlegten, ganz zu schweigen von den Geschichten aus St. Pauli.
Die Jugend neigt immer dazu, den härtesten Film für sich zu beanspruchen. Schwachsinn. Unser Jahrzehnt ist der Kindergarten des 21. Jahrhunderts. Vielleicht leben wir in einer Zeit, die uns mit Freiheit und Möglichkeiten erschlägt, aber auch mit Sicherheiten sediert. Wir haben nie wirklich gelernt, Entscheidungen zu treffen. Ohne Entscheidungen erlebt man keine Abenteuer. Die großartigen Geschichten dieser Männer dürfen nicht vergessen werden! Dafür bedarf es gar nicht mal schäbiger Tattoos, da reichen schon schöne Bücher.
Bastian Schlange, Jahrgang 1982, ist Journalist und Autor. Geboren in Wattenscheid lebt er mittlerweile am Dortmunder Hafen. Ein Zechenkind mit Ankerherz.
Hier geht es zu seinen letzten Kolumnen:
Folge 4: Asphaltperlen
Folge 3: Moin-Sager
Folge 2: Facebook und das Meer

