DIE TRÄGHEIT EINER RIESENPYTHON
Mein Urlaubsprogramm: Hochmut, Geiz, Genusssucht, Neid, Völlerei, Faulheit und Zorn – die sieben Todsünden versammelt unter Sonne und Palmen, zwischen Pool und Bar. Meine beste Auszeit seit langem. Noch einmal ein paar Tage mit der ganzen Familie – unsere Eltern luden meinen Bruder, mich und unsere Frauen ein, den Urlaub mit ihnen an der Ägäis zu verbringen. Knapp 90 Kilometer von Izmir entfernt. Tusan Beach Resort, Kusadasi: 30 Grad, kein Wölkchen am Himmel – das perfekte Kontrastprogramm zu den Stürmen und der Herbstblässe in Deutschland. Kaum angekommen, klebte uns die Dame an der Rezeption orangefarbene Bänder um die Handgelenke. Aus vier jungen Menschen wurden Pauschaltouristen. Mein erster Urlaub dieser Art.
Der Grundgedanke scheint nicht verkehrt: Sei frei von allen Sorgen. Das Schlaraffenland aus dem Ferienkatalog. Das Hotelangebot: Frühstück mit Würstchen, Eiern, Omelettes und Pancakes von sieben bis zehn, von elf bis 17 Uhr durchgehend die Möglichkeit von Hamburgern und Sandwiches am Grill, in der Zeit von 13 bis 15 Uhr ein ausschweifendes Mittagsbuffet mit fünf verschiedenen Fleischvariationen, Fisch, Suppen und etlichen Salaten, ab 17 Uhr Kuchen und abschließend von 19 bis 21 Uhr eine noch opulentere Essensauswahl als zur Mittagszeit.
Völlerei und Futterneid
Der perfekte Nährboden für die Konkurrenzkämpfe, die mein Bruder und ich schon seit Kindheit an am Mittagstisch ausfechten. Stichwort: Völlerei und Futterneid. „Was? Kalbsgulasch! Wo gab es den denn?“ Zack – neuer Teller. „Wie – die haben heute wieder Baklava?“ Zack. „Sind die gegrillten Hähnchenflügel gut?“ Zack. Durchaus in dieser Reihenfolge. Unser Fressalien-Massaker war allerdings nicht das einzige Schlachtfeld in den Großraumspeisesälen. Die Teller quollen bei jedem über. Der Mensch kann, der Mensch nimmt. Das Unangenehme: Zur dekadenten Maßlosigkeit gesellte sich an vielen Tischen auch noch ein widerliches Kolonialherrengehabe. Die Köche, Kellner und Bediensteten schufteten, aber nur die wenigsten wussten das zu würdigen. Weil ihm sein Rotwein nicht schnell genug nachgeschänkt wurde, fing ein Deutscher – mittleres Alter, schütteres Haar, Nüstern groß wie Ein-Euro-Stücke – damit an, seine Gabel gegen sein Glas zu schlagen. In jedem schrillen Pling klang eine Oktave mehr Hochmut und Zorn mit und brachte seine Nasenlöcher weiter zum Beben. Ähnliche Allüren an der Bar. (Maßlosigkeit – die Zweite: Die Cocktail-Bar war von morgens bis Mitternacht durchweg besetzt – sowohl mit Kellnern als auch mit Gästen.) Flinke Hände und schnelle Cocktails. Ausschank im Sekundentakt. Aber Trinkgeld? Kaum. Nur lange Gesichter bei der kleinsten Wartezeit. Schließlich hatte man doch im Voraus für das komplette Wohlfühlprogramm bezahlt. Dankbarkeit im Reisepreis inklusive. Eine Scheiß-Rechnung.
Ebenso befremdlich: die Pool-Mentalität. Unabhängig vom zwanghaften Okkupieren der Plastikliegen mit bunten Frottee-Handtüchern habe ich nicht verstanden, warum man sich überhaupt wochenlang an den Pool legt, aus riesigen Lautsprecherboxen bewummern und von überdrehten Animateuren mit Kindergartenspielchen nerven lässt, wenn das Hotel dreißig Meter vom Strand entfernt liegt. Dreißig Meter trennten Chlorgeruch von Salzgeschmack, billigste Dancefloor-Rhythmen von Meeresrauschen und Keramikfliesen von feinem Sand zwischen den Zehen. Okay, ich lag die ersten zwei Tage auch am Pool und schaffte es kaum zehn Buchseiten zu lesen, geschweige denn einen klaren Gedanken zu fassen. Die Fressgelage. Die freien Cocktails. Der Schlange im trägen Verdauungsmodus einer Riesenpython. Dreißig Meter können verdammt weit sein.
Schlaraffenland ist abgebrannt
Vielleicht bedeutet das Schlaraffenland aber genau das: einfach nicht zu denken. Urlaub von allen Sorgen und Gedanken – perfekt und pervertiert für den Herdenurlauber im All-Inclusive-Gehege. Mich persönlich hat der Überfluss überfordert und ließ diesen verschissenen Dancefloor im lustigen Reigen mit den Cocktails meinen Verstand knacken. Zwei Tage lang.
Natürlich fanden wir irgendwann den Weg zum Meer, zur Ruhe und zum Frieden. Alles in allem war es ein großartiger Urlaub, für den ich sehr dankbar bin, mit wunderschönen Ausflügen und Abenden, die wir als Familie gemeinsam erleben durften. Aber eben auch eine tief verstörende Erfahrung. Überfluss tut selten gut. Für jeden, den er nicht überrollt und dessen Anstand in den Boden walzt, eine super Sache. Kein Pauschalurteil über den Pauschalurlaub! Am Ende lautet die Rechnung: All you can eat, all you can drink and all you can suffer.
Bastian Schlange, 30, ist Journalist und Autor. Geboren in Wattenscheid lebt er mittlerweile am Dortmunder Hafen. Ein Zechenkind mit Ankerherz.
Hier geht es zu seinen letzten Kolumnen:
Folge 5: Der besoffene Tätowierer
Folge 4: Asphaltperlen
Folge 3: Moin-Sager





Hey Bastian,
wirklich grosses Kino wie du den Trip in die Türkei und vor allem das "all inclusiv" beschreibst. Ich denke jeder der ein wenig so wie wir tickt empfindet das Machogehabe und die Art Urlaub zu machen genauso wie du es beschrieben hast.
... dann doch lieber auf nen Sandhügel - munter bleiben. Tüte
"All you can suffer!"
Was habt Ihr im Urlaub erlebt? Schreibt es uns! Ankerherz