PA PA PAPPE
Kann bitte jemand mal eine Technik erfinden, mit der man aus einem schönen Augenblick ein Pulver gewinnen kann, um ihn mit Wasser aufzugießen und auf Flaschen zu ziehen, für Momente, in denen man einen Schluck daraus gut gebrauchen kann? Ich wüsste auch schon, welchen Moment ich als ersten pulverisieren würde. Er stammt aus dem Kurzfilm „Caine´s Arcade“.

Das Video erzählt die Geschichte eines Jungen namens Caine
Monroy. Seit den fünfziger Jahren verkaufen die Monroys in einem Gewerbegebiet von Los Angeles KFZ-Gebrauchtteile. Als sich der Handel weitgehend ins Internet verlagert hatte, okkupierte der heute 10-Jährige die Verkaufsfläche. Hinten saß Vater George am Computer, vorne werkelte Sohn Caine an seiner kleinen Spielhalle. Aus Pappe. Es gab mit Klebeband zusammengehaltene Wurfautomaten, selbstgebastelte Greifarme und einen „Funpass“ für zwei Dollar. Aber es gab niemanden, der Zeit und Lust zum Spielen hatte. Bis eines Tages Nirvan Mullick vorbei kam auf der Suche nach einem alten Türgriff für sein Auto. Er war Caines erster Kunde.
Der Moment des Glücks
Mullick war von Caines Kreativität bald so fasziniert, dass er beschloss, daraus einen Film zu machen. Der Plot: An einem Sonntag im Oktober sollten so viele Menschen in den Osten von LA kommen, dass Caines Spielhalle die Aufmerksamkeit bekommen würde, die sie verdiente. Mullick weihte den Vater ein, sandte via Facebook Einladungen aus, die Sache verbreite
te sich und wurde groß und größer. Am 2. Oktober 2011 lotste George Monroy dann seinen Sohn in ein Einkaufszentrum, während sich Mullick und eine Horde Pappspielwütiger heimlich vor der Spielhalle trafen. Es ist der Moment, in dem Caine auf dem Rückweg im Auto bewusst wird, was da gerade vor seiner Spielhalle passiert, den ich gern konservieren würde – diese Mischung aus Fassungslosigkeit und Glück, die in seinen Augen steht, untermalt von einem leise aus seinem Mund kullernden Lachen.
Im Film kommt dieser Augenblick bei exakt 7 Minuten und 53 Sekunden:
Das ist jetzt ein Jahr her. Was sich seitdem entwickelt hat, ist fast noch unglaublicher. In diesem zweiten Film erzählt Mullick davon:

Caine ist zum Vorbild für Kinder geworden, die ihre eigenen Spiele aus Karton bauen. Mullick hat eine Stiftung gegründet und den 6. Oktober 2012 zum Welttag der „Cardboard Challenge“ ausgerufen. Auf der Seite http://www.imagination.is/ trudeln seitdem Bilder und Videos von überall her ein. Aus der Türkei, Australien und Japan. Es sind Bilder von Kindern, die ihre Fantasie an Pappkisten ausleben statt an der X-Box.
Bis die Technik der Pulverisierung solcher Glücksmomente erfunden ist, habe auch ich mir etwas einfallen lassen. Ich habe mir den 7 Minuten 53-Song aus „Caine´s Arcade“ besorgt. Er heißt „Pa Pa Power“ und stammt von den Dead Man´s Bones, Ryan Goslings Band. Den höre ich mir seitdem regelmäßig an. Funktioniert fast wie ein Schluck aus Caines Ampulle.
Kai Schächtele, Jahrgang 1974, ist Autor aus Berlin. Er schreibt Bücher und hat mit seinem Partner Christian Frey die Produktionsfirma Frey+Schächtele für multimediales Geschichtenerzählen gegründet.

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