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15
Aug

Tüte: Unser Mann auf Baltrum – Folge 4

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EIN DOC FÜR ALLE FÄLLE

Wäre unsere Inselärztin Ellen nicht gewesen, würde ich jetzt wie ein gestrandeter Pirat mit einem Holzbein über Baltrum humpeln. Vor rund zehn Jahren bewahrte sie mich vor einer Amputation. Ich zerrte mir damals während eines Fußballspiels die rechte Wade. Eigentlich kein Beinbruch, nur ziemlich schmerzhaft und der Anfang einer unglücklichen Folge von Ereignissen. Da meine Schwester Physiotherapeutin ist und mir zu warmen Wadenwickeln riet, packte ich abends mein Bein in heiße Tücher. Als ich die Augen am Morgen öffnete, war meine Wade nicht nur gezerrt, sondern auch noch verbrannt. Die Wunde nässte, ich behandelte sie selbst, ignorierte den Schmerz und ließ mich auch nicht davon abhalten, in kurzer Hose unsere Efeu-Hecke zu schneiden. Innerhalb einer Woche schaffte ich es, eine Wadenzerrung in einen geschwollenen Klumpen in der Größe und Form eines Elefantenfußes zu verwandeln. Die unerträglichen Schmerzen und eine gesunde Portion Vernunft, die sich bis dahin zurückgehalten hatte, trieben mich zu Ellen Althainz. Zusammen mit ihrer Kollegin Eva Bach führt sie die einzige Arztpraxis auf Baltrum. Sie betreut nicht nur 450 Einheimische, sondern auch mehr als 40.000 Touristen, die zu uns auf die Insel kommen; pro Jahr versorgen unsere Docs rund 3200 Patienten – das ist mehr als die meisten anderen Arztpraxen in Niedersachsen.

Als sich Ellen meine Wade angeschaut hatte, wischte sie sich ihre kurzen dunklen Haare aus der Stirn und sagte nur: „Hmm, Wundbrand. Jetzt wollen wir mal sehen, ob wir das Bein vor einer Amputation retten können.“

 

Elefantenfuß blieb dran

Ich schluckte. Ernüchtert legte ich mich mit dem Bauch auf ihre Liege, und sie begann mir das tote Fleisch aus der Wunde zu schneiden. In den kommenden Wochen unterzog ich mich alle zwei Tage dieser Prozedur, dazu bekam ich jede Menge Penicillin. Bis die Wade ganz verheilt war, dauerte es ein Jahr. Dennoch: Mein Bein blieb dran – Ellen sei Dank!

Wenn mich Gäste nach einem Zahnarzt oder gar einem Krankenhaus auf Baltrum fragen, muss ich schmunzeln. Wer hier Arzt ist, ist ein Doc für alle Fälle. Wenn es nicht anders geht, zieht Ellen auch mal einen Zahn oder kümmert sich um die Tiere. Sie gibt einem in jeder Situation das Gefühl, dass sie weiß, was sie tut. Ich sage immer: „Ellen würde auch auf einem Küchentisch operieren, wenn sie müsste.“ Und damit lebt sie den Geist Baltrums: Mit Ruhe und dem, was man hat, jedes Problem lösen. Leider hörte Ellen im Oktober 2012 nach 26 Jahren als Ärztin bei uns auf. Wenn mich mittlerweile jemand nach der großen roten Narbe auf meiner Wade fragt – besonders wenn es Kinder sind – antworte ich: „Hah! Du solltest mal den Hai sehen!“ Das ist besser, als jemandem zu erzählen, was man aus einer kleinen Wadenzerrung alles machen kann.

 

Christof „Tüte“ Schmiegel, Jahrgang 1965, gelernter Architekt, ehemaliger Surflehrer, Harley-Fahrer, Johnny-Cash-Fan und Betreiber des „Skippers Inn“ auf Baltrum.

Hier geht es zu seinen letzten Kolumnen: 

Folge 3: Sonne? Im Herzen!

Folge 2: Eine Insel ohne Autos

Folge 1: Papa Dalton

Autor: ankerherz

5 Kommentare

  1. Jack Sparrow // 16. August 2012 um 09:16

    Ja - Gesundheit ist ein wichtiges Gut, wenn man mal um sie gekämpft hat, weiß man das. Und seine Gesundheit will man in die Hände legen, denen man vertraut.

    Das, was Tüte hier beschreibt, ist kein inselspezifisches Problem, auch andere Gegenden außerhalb der Metropolen kämpfen damit.

    Als bei uns im "Entwicklungsland" (deshalb Kfz-Kennzeichen EL

    • Jack Sparrow // 23. August 2012 um 10:32

      vielleicht hätte ich auch zu Ende schreiben sollen, also hier der Rest:

      Auch bei uns auf dem Land fällt es den "altgedienten" Ärzten immer schwerer, Nachfolger zu finden, den Nachwuchs zieht es in die großen Städte.

      Ich bin selbst nicht so ganz gesund und richte mich bei der Urlaubsplanung immer danach: "gibt es hier kompetente medizinische Hilfe?". Neben der Schönheit der Insel ist das einer der Gründe, weshalb ich immer wieder nach Baltrum komme.

      So betrachtet ist es sehr wichtig, hochwertige ärztliche Präsenz auf einer Ferieninsel zu haben.
      Und auch Insulaner können krank werden!
      In unserem Land sollte doch jeder Bürger ausreichende medizinische Hilfe bekommen können.
      Außerdem: was kann es denn für einen schöneren Arbeitsort geben, als mitten in der Nordsee?

  2. Margrit Behrens // 18. August 2012 um 11:13

    Da ich 48 Jahre Baltrumurlauberin war, kenne ich auch die Praxis mit Frau Dr. Althainz.
    Der Sogan "Auf Baltrum ist alles anders" gilt auch für die Inselärztin.

    Vor einigen Jahren hatte unser kleines Enkelkind sich an einem Sonntagabend verletzt; bei meinem Anruf bei Frau Dr. Althainz wurde ich zuallerserst gefragt, ob das Kind gegen Tetanus geimpft sei, als zweites rief die Ärztin in der Apotheke an und bestellte für uns ein Medikament, das wir sofort abholen konnten; als drittes bot Frau Dr. Althainz einen Haus(brw. Hotel)-Besuch an, wenn nicht binnen einer Stunde der Schmerz nachlässt.
    Kein einziges Wort nach unserer Adresse, nach unserer Krankenkassenkarte, nach der Praxisnotfallgebühr.
    D.h. Bei Frau Dr. Althainz standen tatsächlich die Patienten im Vordergrund.

    Im Gegensatz dazu hier in Bremen darf man erst zur Behandlung, wenn alle Formalitäten erledigt wurden. Originalton eines Notarztes: "Lassen Sie uns zuerst das Wirtschaftliche erledigen, ich bekomme €10,oo von Ihnen".
    Meine ganze Familie und ich wünschen Frau Dr. Althainz eine weniger aufreibende Zukunft als auf Baltrum, aber vermissen werden wir sie schon.

    Margrit Behrens

  3. (Alfred) Markus // 22. August 2012 um 16:42

    Hallo Tüte
    Ja, die Ellen ist eine ganz besondere Person, die nicht zu ersetzten ist!! Auch ich habe das Glück gehabt, mehrfach von Ihr behandelt zu werden. Zu meinem Glück bin ich immer direkt zu Ihr gegangen und habe nicht so lange gewartet wie du. :-) Ja, Baltrum braucht einen passenden Ersatz, der auch die Insel will!! Es ist schon ganz besonders, für eine so kleine Gemeinschaft und während der Ferien für viele "Fremde" da zu sein und nicht einfach zu sagen: "Hier ist die Überweisung zum Facharzt" Das geht ja auf Baltrum nicht so einfach und die Urlauber wollen nur schnel wieder fit werden, um den Urlaub zu genießen! Ich hoffe, und wünsche es der leiben kleinen süßen Insel, daß bald Ersatz gefunden wird!! Also: An alle Ärzte, die eine tolle sehr abwechslungsreiche neue Arbeitsstelle suchen!! BEWERBEN.

  4. Ankerherz // 23. August 2012 um 00:36

    Danke für Eure Beiträge! Und alle Mediziner: nicht mehr bewerben! Baltrum hat inzwischen einen neuen Arzt!

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