Insel RÜGEN – Störtebeker, Seeadler und ein wildes Kap

18 Feb 2016

Rügen ist keine Insel, sondern eine Wundertüte im Meer. Hinter jeder Gabelung bietet die Insel einen anderen Höhepunkt: sagenumwobene Buchten, dichte Wälder, Moore, steile Klippen und Kaps. Wer hier unterwegs ist, findet tiefe Ruhe. Wenn man sich Zeit nimmt.

 

TEXT: Stefan Kruecken. FOTOGRAFIE: Christian Thiele // Ruegen im Licht.

Der Morgen ist früh und die Sonne steht noch niedrig über der Bucht am Kap Arkona, aber Harald, der alte Fischer, sitzt schon lange vor seinem Boot. Wie an jedem Tag hockt auf einem Stuhl vor seiner „Jana“, wie immer mit einer Zigarette zwischen den Fingern. Harald sieht genau so aus, wie man sich den letzten Fischer des Dorfes Vitt vorstellt: Wetter und Salzwind haben sein Gesicht hart gemacht, in der Brusttasche seines Blaumanns steckt ein Beutel „Nelson“, starker Tabak. Nur noch drei Fischer fahren hinaus, früher waren es Dutzende. Der alte Harald und die Bredows sind noch übrig, Vater Peter und sein Sohn Tobias. Es ist nicht leicht, am Netz sein Geld zu verdienen.

Mit einem Brummen hat Harald den Besucher begrüßt, er redet nicht viel, denn kein Seemann redet viel. Bis nach Indonesien ist er früher gefahren, bis Australien, unterwegs auf großen Frachtern, bevor er auf den Kutter ging. Einen Untergang überlebte er vor Norwegen, einen furchtbaren Sturm auf den „Grand Banks“ vor Neufundland. Auch die Ostsee, die heute morgen ruhig liegt wie eine große Pfütze, kann zornig werden, vor allem vor Deutschland nördlichstem Kap. Vielleicht fährt er nachher noch einmal raus, überlegt der alte Fischer, geht auf Aal oder Dorsch, den er hinterher in die Räucherkammer schiebt.

 

Doch im Moment genießt Harald die Ruhe und man könnte sagen, dass es sich um eine Ruhe vor dem Ansturm handelt. Nicht mehr lange, bis die Touristen zwischen den Häusern hindurch schlendern, in Scharen, denn Vitt, das kleine Dorf, auf dessen Dächern Reet liegt, ist ein beliebtes Fotomotiv. „Kaum sind sie die Touristen hier, sind sie schon weg, mit einem Affenzahn“, schimpft er und kramt nach dem „Nelson“, um sich ein Beruhigungsmittel zu drehen. „Die haben es immer so eilig“, raunt er noch, und das Wort „eilig“ klingt aus seinem Munde wie etwas besonders Unappetitliches. Hektik? Unruhe! Hetzen?

Womit Fischer Harald eine wichtige Maxime ausgibt für einen Besuch auf Deutschlands größter Insel: Man soll Zeit mitbringen. Zeit, für zufällige Begegnungen, für einen kurzen Plausch, und um die kleinen Dinge am Wegesrand auf sich wirken zu lassen. Denn selbst in der Hochsaison, wenn die Urlauber in langen Autokarawanen von Stralsund hinüber rollen, gelingt es ohne Umwege, Orte der Abgeschiedenheit zu finden.

 

Rügen ist eine 926 Quadratkilometer große Wundertüte mit Buchten und Bodden, dichten Buchenwäldern, spektakulären Klippen und Kaps. Der Ruf, die abwechslungsreichste Insel zu sein, bezieht sich nicht nur auf die Schönheit der Natur. Wie dicht Extreme beieinander liegen, zeigt sich schon kurz nach Beginn der Wanderung in Binz, der weißen Strandperle. Die Villen am Ostseeufer, die Promenade und die Seebrücke liegen nur wenige hundert Strandmeter hinter einem, als schon die graue Fassade von Prora in Sicht kommt. Prora: ein Synonym für Größenwahn. Viereinhalb Kilometer misst das längste Gebäude Europas, das von den Nationalsozialisten als Anlage für gleichgeschaltete Ferien der Organisation „Kraft durch Freude“ geplant war. Ein Mahnmal von monströser Hässlichkeit – und damit der Gegenentwurf zum lieblichen Seebad Binz.

Heute sind mehrere Museen im Koloss untergebracht, und ein Abstecher lohnt besonders in die KulturKunststatt, einem Museum auf 5000 Quadratmetern und fünf Stockwerken. Besonders interessant wird es, mit einem Mitarbeiter wie Thomas Wolff, einem ehemaligen Soldaten der Nationalen Volksarmee, durch die Räume zu schlendern. Wolff, 48, leitete früher das Kommando eines kleinen Hafens an der Ostsee. Er erzählt davon, welchen Ärger er von seinen Vorsetzten bekam, als er einmal vergaß, die Paddel aus einem Schlauchboot zu nehmen – das in der Logik eines Grenzschützers als Fluchtfahrzeug nach Schweden hätte dienen können. Ein Stockwerk ist wie eine Kaserne der DDR-Streitkräfte eingerichtet, und wenn man Aufnahmen von einem Manöver des Warschauer Paktes sieht und einen Raum besichtigt, in dem Panzerbesatzungen genaues Schießen trainieren konnten, spürt man eine Beklemmung, die einen zügig weiterwandern lässt.

Weiter geht es Richtung Norden, meistens entlang der Küstenlinie. Nach einer Pause in der Hafenstadt Sassnitz führt der Weg an einem spektakulären Hochufer entlang, durch die verwunschenen, dichten Buchenwälder des Nationalparks Jasmund. In der „Piratenschlucht“ soll der sagenhafte Seeräuber Klaus Störtebeker angeblich ein Versteck gehabt haben. Ob das so stimmt oder ob die Legende frei erfunden ist? Die Rügener verstehen es jedenfalls, den Freibeuter zu vermarkten: „Störtebeker-Festspiele“ auf der Naturbühne Ralswiek locken in jedem Jahr zehntausende Besucher an. Vom Zweitwohnsitz des Piraten ist es nicht mehr weit bis zur Stelle, an der einst die „Wissower Klinken“ aufragten, die früher eines der Wahrzeichen der Insel waren. Bis 2005, um genau zu sein, denn dann rutschten die 20 Meter hohen Kreidefelsen in die Ostsee.

Nun befindet sich der Wanderer endgültig im Caspar-David-Friedrich-Land, und die Gegend ist so schön, als wandele man durch ein kitschiges Ölgemälde. Die Buchenwälder rauschen, das Meer liegt einem zu Füßen, und Blick auf Küstenlinie und See macht einen beinahe andächtig. Woher der „Königstuhl“ seinen Namen erhielt, bleibt ein Rätsel: Ob der schwedische König Carl XIII tatsächlich eine Seeschlacht auf einem bereitgestellten Stuhl beobachtete? Oder ob dort derjenige zum König gewählt wurde, der die Felswände als Schnellster empor kletterte? Wahr ist: der Anblick ist majestätisch. „Das Meer arbeitet an der Küste, verändert und modelliert die Landschaft“, sagt Matzi Müller, 54, ein Bildhauer der sich vor einigen Jahren auf Rügen niederließ, weil ihn der Zauber der Insel nicht mehr los ließ.

Tatsächlich erlebt man auf dieser Etappe der Küstenstreckentour eine landschaftliche Vielfalt, die ungewöhnlich ist für eine Insel. Ob man vom Schlanteberg nahe des Dorfes Glowe sieht oder vom Tempelberg – mit einem phantastischen Weitblick bis auf den Großen Jasmunder Bodden – dieses Stück Land im Meer fühlt sich nicht an wie eine Insel. Mal führt einen der Weg über Hügel, wenig später ist die Landschaft flach wie ein holländischer Pfannekuchen, dann wandert man nahe des roten Spyker Schlosses (unbedingt auf ein Stück Käsekuchen einkehren!) zwischen dem Sypkerschen See und dem Mittelsee durch weite Schilfflächen hindurch, einem kleinen Paradies für Seevögel.

Abwechslungsreich geht es weiter: Hinter dem Badeort Glowe, auf einem schmalen Streifen, der den Namen Schaabe trägt, wird es sumpfig, moorig. Der Wald von Kiefern und Rotbuchen ist dicht und dunkel. Am Ufer des Boddens surren große Libellen, das Schilf rauscht im Wind, man rastet in kleinen Strandbuchten, hält die Füße ins Wasser, und weil einem niemand begegnet, stellt sich ein Gefühl tiefer Ruhe ein. Der Weg wird zum Ziel, und wäre man nicht so neugierig zu erfahren, was einen hinter der nächsten Kurve erwartet – man wäre geneigt, umzukehren und dieselbe Route zurück zu nehmen.

Doch man wandert weiter nach Norden, entlang des Ostseeufers, und es dauert nicht mehr lange, bis die Felsen und die Leuchttürme von Kap Arkona in Sicht kommen. Mit der Einsamkeit ist es in diesem Teil der Insel angesichts fast einer Million Besucher jährlich vorbei, weshalb es sich empfiehlt, früh am Morgen aufzubrechen. Am besten so früh, dass man noch zusehen kann, wie der größere Leuchtturm, gebaut aus Ziegelsteinen, sein Feuer über die Ostsee schickt. Angenehmer Nebeneffekt: In der Dämmerung übersieht man leichter die Plastikbestuhlung, mit der einige Imbissbudenbesitzer das Kap verschandeln. Kap Arkona hätte mehr verdient.

Kaum einen Kilometer hinter den Leuchttürmen erreicht man den nördlichsten Punkt Rügens und das Endziel der Route: den Gellort. Am Fuße der Klippe liegt ein gewaltiger Findling, der Siebenschneiderstein und oben, auf einem Plateau, wacht ein Adler aus Holz. Er steht auf einem Pfahl, wie auf einem Indianertotem, hat die Flügel leicht hochgezogen und den Kopf gesenkt, stolz und in sich gekehrt (ob es sich um ein Zeichen des Protests gegen den Plastikmüll handelt, sei dahin gestellt.) Geschlagen hat den Raubvogel der Künstler Müller, ein breitschultriger Mann mit Lockenmatte, der mit seiner markanten Nase selbst etwas von einem Indianerhäuptling hat. In seinem kleinen Atelier „Donnerkeil“ verkauft er Schmuck, vor allem Ketten und Anhänger. „Mir kam die Idee zur Adlerstatue, weil man im Herbst und Winter am Gellort Seeadler beobachten kann“, erklärt er. Ein Förderverein der kleinen Gemeinde und der Bürgermeister, der findet, dass die Förderung von Kultur wichtiger ist als die Förderung eines Schnellrestaurants, unterstützten ihn.

Wenn ein Sturm über das Kap gezogen ist, macht sich Müller unten an den Klippen auf die Suche nach Bernstein. An einigen Stellen unweit des Gellorts, die ein Geheimnis bleiben sollen, gibt die Ostsee ihr Gold frei. „Richtige Sammler von der Insel wissen, wo und wann sie suchen müssen“, sagt er, „die hören den richtigen Moment, wenn der Wind dreht.“ Darum ist er auf die Insel gezogen: Wegen der Energie, die entsteht, wenn das Meer auf Land trifft, wenn der Sturm tost und die Klippen zu zittern scheinen.

Rügen ist mehr als eine Insel. Rügen ist ein Sehnsuchtsland.

 

 

Zum Fotografen, Rügen im Licht:

“Christian Thieles große Leidenschaft sind Menschen. Insbesondere Menschen, die Musik machen. Der gebürtige Sassnitzer arbeitet dort, wo Musiker arbeiten: auf und hinter den Bühnen, in Tourbussen, auf Festivals und in kleinen Clubs. In den vergangenen 10 Jahren hat der Zweiunddreißigjährige unzählige Künstler fotografiert. Zum Ausgleich gibt es Landschaft. Von der seine Heimatinsel Rügen nun wirklich genug hat. Christian Thiele, Fotograf und Reisender.”

Von Stefan Kruecken

Stefan Krücken

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