KAPITÄN SCHMIDT: Giftgas, Trump und linke Toleranz

08 Apr 2017

Ich habe eine interessante Erfahrung gemacht: Was passiert, wenn man eine Meinung äußert, die nicht ins das erwartete Schema passt. Gestern habe ich den Militärschlag der USA gutgeheißen. Ich will später noch einmal erklären, wieso. Was auf meiner Facebook-Seite passierte, überraschte mich: Wütende “Freunde” spekulierten, ob mein Account gehackt wurde, ob ich „dement“ sei oder einfach ein Arschloch.

Für manche, die sich politisch „links“ einordnen, hört die linke Toleranz offenbar genau an der Stelle auf, an der sie nicht ins Weltbild passt. Der „Ami“ ist darin der Böse. Meinungsfreiheit? „Dement!“ „Arschloch!“ Ich halte dies für befremdlich – es ist ein Verhalten, wie ich es sonst oft bei Anhängern der AfD beobachtet habe. 

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Linke Toleranz? “Arschloch!”

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich kein Kriegstreiber bin. Jeder, der meinen Blog verfolgt, weiß auch, wie überaus kritisch ich die Person Donald Trump sehe. Für die Regierungen aller westlichen Länder und auch für mich gibt es aber keinen Zweifel, wer für den Giftgasangriff auf die syrische Zivilbevölkerung verantwortlich ist. Es wird in niemals einen einwandfreien Beweis geben können, doch es gibt zahlreiche Indizien.

Es wird auch niemals ein Mandat der UN für einen Militärschlag geben, wie ihn Trump angeordnet hat. Die Veto-Macht Russland wird einen solchen Beschluss immer verhindern. Die Propaganda-Maschine Putins wird alles dafür tun, Zweifel zu sähen und die öffentliche Meinung zu vernebeln.

Ich bin auch gegen Krieg. Ist einfach.

Mich haben die Bilder der erstickenden Kinder im Mark erschüttert. Ich finde es zynisch, die Augen davor zu verschließen oder so zu tun, als ob sich das Problem von selbst löst. Mit dem Einsatz von Chemiewaffen ist das Ende aller Eskalationsstufen erreicht. Es kann nicht hingenommen werden – deshalb finde ich, dass Trump richtig gehandelt hat. Ich hätte mir einen solchen Schritt schon von Obama gewünscht, der „rote Linien“ zog, aber nicht reagierte, als sie der Diktator kurze Zeit darauf und wie zum Hohn übertrat.

Viele „Linke“ machen es sich sehr einfach. Gegen Krieg zu sein: Ja, das bin ich auch, das ist ja auch einfach. Aber wie weit kann das gegen? Lassen wir alles geschehen? Lassen wir zu, dass Assad Kinder vergast? Lassen wir zu, dass sein Verbündeter Putin in Europa Grenzen mit militärischer Gewalt verschiebt? Dass er unsere Demokratien untergräbt? Dass er Kritiker mitten in unseren Städten ermorden lässt? Wie weit darf er gehen?

Ich möchte nicht in Putins Russland leben. Sie?

Wer diese Fakten nicht hören will, aus einem politischen Weltbild heraus, ist entweder borniert, feige oder beides. Es ist so schön bequem, Putin zuzusehen, in der Hoffnung und Erwartung, dass es uns schon nicht betrifft.

Ich möchte nicht in einem Land wie Putins Russland leben. Jetzt dürfen Sie sich gerne wieder aufregen. In Putins Russland könnten sie es nicht.

 

KAPITÄN STEFAN SCHMIDT, JAHRGANG 1941, FUHR KNAPP FÜNF JAHRZEHNTE ZUR SEE. 2004 RETTETE ER FLÜCHTLINGE AUS DEM MITTELMEER, WURDE DESHALB ANGEKLAGT UND GING FAST IN DEN KNAST. SEIT FÜNF JAHREN IST ER ZUWANDERUNGSBEAUFTRAGTER DES LANDES SCHLESWIG-HOLSTEIN. SCHMIDT HAT DREI ERWACHSENE SÖHNE UND LEBT IN LÜBECK. IM ANKERHERZ BLOG BERICHTET ER VON SEINEM LEBEN UND SEINER ARBEIT.

Von Stefan Schmidt

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