KAPITÄN SCHMIDT: Meine Laudatio für einen Kapitän

04 Dez 2016

Die Internationale Liga für Menschenrechte (ILMR) hat heute (4. Dezember) in der Berliner Heilig-Kreuz-Kirche den Fotografen Kai Wiedenhöfer und den Verein SOS Méditerranée mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichnet.

Ich durfte die Laudatio auf Kapitän Klaus Vogel halten, den Gründer von SOS Méditerranée, eine Organisation von Freiwilligen, die seit Februar mehr als 4800 Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Mittelmeer rettete.

Die Internationale Liga für Menschenrechte verleiht die Medaille seit 1962 mindestens alle zwei Jahre. Zuletzt waren 2014 der Whistleblower Edward Snowden, die Filmregisseurin Laura Poitras und der Journalist Glenn Greenwald ausgezeichnet worden.

Hier meine Laudatio.

schmidt_sos-mediterranee

 

„Wir haben keinen günstigen Wind. Indem wir die Richtung verlieren,

Wissen wir doch, wo wir sind. Aber wir frieren

Und die darüber erhaben sind, Die sollten nicht allzu viel lachen.

Denn sie werden nicht lachen, wenn sie blind eines Morgens erwachen.

Das Schiff, auf dem ich heute bin, treibt in die uferlose,

In die offene See. – Fragt ihr: „Wohin“?“

Ich bin nur ein Matrose.“

Dieses Gedicht, von Joachim Ringelnatz vor über 80 Jahren geschrieben, scheint doch auch auf unsere Zeit zu passen. Zum Einen auf das jetzt gewaltig ins Schlingern geratene Europa, zum Anderen aber auch auf die überfüllten Boote, die sich mit verzweifelten Menschen auf den gefährlichen Weg zu uns machen, nicht weil sie denken, sie hätten es bei uns besser, sondern weil sie aus den verschiedensten Gründen gezwungen sind, aus ihrer Heimat zu fliehen.

Wir beten, dass diese Menschen heil bei uns ankommen, wir fragen Gott, warum er zulässt, dass das oft nicht so ist. Wichtig ist, wer Fragen stellt, wer klagt, bittet, wer aufbegehrt – der hat schon angefangen, etwas zu unternehmen gegen dass, was ihm und den anderen angetan wird. Ja, auch uns wird etwas angetan, wenn diese kleine Boote mit den vielen Menschen an Bord , welche der Schriftsteller Mankell einmal „die Botschafter unserer Schande genannt hat“, ohne Spuren zu hinterlassen untergehen.

Kalte Wut im Herzen

Wie können wir, die wir in einem so reichen Land leben ohne etwas zu tun, mit anhören und ansehen, wie die Ärmsten der Armen in überfüllten Nußschalen sich aufmachen von den Küsten Afrikas in das reiche Europa, auf dem Weg mehrfach ausgeraubt und vergewaltigt werden, körperlich und psychisch .

Was tun wir, wenn wir von dem Flüchtlingsboot hören, dass von der Italienischen Marine gehoben wurde, und im Rumpf waren noch etwa 200 gleichzeitig ertrunkene Menschen. Können wir uns vorstellen, was auf dem Boot passiert ist?

Können wir begreifen, warum die für Seenotrettung zuständigen Stellen im Mittelmeer stundenlang gestritten haben wer zur Rettung auslaufen soll, und als dann jemand losfuhr, war kein Flüchtlingsboot mehr zu sehen?

Können wir ohne kalte Wut im Herzen hören, dass die EU-Behörden in Brüssel, nachdem wieder die Meldung von hunderten Ertrunkenen durch die Europäischen Medien ging, nur einfällt, man müßte endlich etwas gegen die Schleuser und Schlepper unternehmen. Ist uns nicht klar, dass wir, die doppelzüngigen Wohlstandsbürger, das „Geschäft“ und die Pflicht, flüchtenden Menschen zu helfen, den Verbrechern überlassen? Sollten wir nicht alles daran setzen, sichere Fluchtwege zu schaffen? Sogar vom Nützlichkeitsstandpunkt wäre das günstiger, dann könnten die Geflüchteten das Geld, was sie den Schleppern, und es ist sehr viel Geld, für einen Neuanfang bei uns verwenden, und wären nicht auf unsere Almosen angewiesen.

Können wir all das wissen, und nichts unternehmen?

Kapitän Vogel konnte das offensichtlich nicht, er wollte etwas tun, und hat es getan, wie es Seemannsart ist. Nicht lange reden, handeln. Es hat nicht gehofft, dass jemand etwas tun möge. Er hat nicht zugelassen, dass die Hoffnung die Wahrheit bedrohte, und die Wahrheit um der Hoffnung Willen geopfert wurde.

Die Organisation SOS MEDITERRANEE wurde auf sein Betreiben hin im Mai 2015 gegründet, und arbeitet im europäischen Verbund zusammen mit Partner*innen in Frankreich und Italien. Das Ziel ist der Aufbau einer zivilen Seenotrettung. Mittlerweise haben sich rund um den Gründer zahlreiche Unterstützer“innen in ganz Europa zusammengefunden, die ihren Beitrag als Teil der Zivilgesellschaft leisten, um Menschen in Seenot zu retten.

SOS MEDITERRANEE setzt sich für alle Menschen in Seenot ein, ohne Ansehen ihrer Nationalität, Herkunft, sozialem, religiösem, politischen oder ethnischen Zugehörigkeit. Sie ist eine humanitäre Initiative, die der Achtung der Menschenwürde und des menschlichen Lebens verpflichtet, überparteilich und an keine Konfession gebunden ist.

Das Schiff der Organisation, die AQUARIUS, ist hervorragend geeignet um im Mittelmeer bei fast allen Witterungsbedingungen Hilfe leisten zu können, es können bis zu 600 Menschen aufgenommen, erstversorgt, und dann in einen sicheren Hafen gebracht werden.

In diesem Zusammenhang zitiere ich einen Brief von Frau Malmström, Commissioner for Home Affairs der Europäischen Commission an mich:

“The master of a ship has the duty to provide assistance to persons in distress at sea and upon receiving a distress signal from any source, the master is bound to proceed with all speed to the assistance of those persons. Following their rescue, the survivors need to be taken to a place of safety where their safety of life is no longer threatened, and where their basic needs can be met. In determining where to disembark the rescued persons, the principle of non-refoulement should also be taken into account.”

Wir dürfen nicht die Hände in den Schoß legen

Wir, die wir nicht mit hinausfahren können, müssen aber trotzdem nicht die Hände in den Schoß legen. Die Information der Öffentlichkeit kann auf viele Arten geschehen, und da können wir alle als Multiplikatoren arbeiten. Es kann Geld gesammelt werden, oder wie jetzt unmittelbar bevor steht, kann eine von vielen höher als das Bundesverdienstkreuz angesehen Medaille von der Internationalen Liga für Menschenrechte e.V. an Kapitän Klaus Vogel, auch stellvertretend für seine Besatzung, und alle anderen im Mittelmeer helfenden Organisationen, ich nenne nur zwei von 13, die Sea Watch und Jugend Rettet, verliehen werden.

Heribert Prantl von der SZ hat einmal gesagt: die Botschafter der Menschenrechte genießen keine Immunität, sie haben keinen Diplomatenpass. Es schützt sie nur ihre eigene Furchtlosigkeit, ihr eigener Mut und- eine wachsame Öffentlichkeit.

Herzlichen Glückwunsch Herr Kollege Vogel, wir werden wachsam bleiben.

 

 

KAPITÄN STEFAN SCHMIDT, JAHRGANG 1941, FUHR KNAPP FÜNF JAHRZEHNTE ZUR SEE. 2004 RETTETE ER FLÜCHTLINGE AUS DEM MITTELMEER, WURDE DESHALB ANGEKLAGT UND GING FAST IN DEN KNAST. SEIT FÜNF JAHREN IST ER ZUWANDERUNGSBEAUFTRAGTER DES LANDES SCHLESWIG-HOLSTEIN. SCHMIDT HAT DREI ERWACHSENE SÖHNE UND LEBT IN LÜBECK. IM ANKERHERZ BLOG BERICHTET ER AB SOFORT VON SEINEM LEBEN UND SEINER ARBEIT.

 

Von Stefan Schmidt

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