KAPITÄN SCHWANDT: EM-Langeweile in kurzen Hosen

26 Jun 2016

Als die tapferen Isländer das Siegtor gegen Österreich schossen, geschah etwas völlig Unerwartets mit mir. Ich spürte ein Gefühl, das ich während dieser Europameisterschaft noch nicht kannte: Freude, ehrliche Freude. Ich erschrak darüber fast ein wenig, denn ansonsten schalte ich den Fernseher nur noch ein, wenn ich sanft eindösen möchte. Portugal gegen Kroatien zum Beispiel – was war das denn? Brutales Ballett  und EM-Langeweile in kurzen Hosen.

Dies ist, ganz ehrlich, die mieseste EM, an die ich mich erinnern kann.

Das Problem: Ich werde bald 80.

Bevor sich jetzt wieder jemand aufregt, gebe ich gerne zu, dass ich als alter Seemann vom Fußball ähnlich viel Ahnung habe wie von französischer Zierstickerei. Aber ich habe Augen, und was ich sehe, macht mir keinen Spaß. Defensive Rückpass-Festivals und schlimmes, brutales Gebolze. Aus Sympathie mit einer albanischen Familie, die ich unterstütze, sah ich die Partie der Albaner gegen Rumänien. Ich war erstaunt. Das letzte Mal, dass ich solche Kampf-Szenen sah, war im „Walhalla“ von Rotterdam, einer schlimmen Kaschemme im Hafen, in der es gerne mit Mirgänestiften zu Sache ging. So nannten wir abgerissene Stuhlbeine, die am nächsten Morgen heftige Kopfschmerzen verursachten.

Schwandt EM

Wobei wir gleich beim nächsten Thema des Turniers wären: der omnipräsenten Gewalt. Was wir abseits der Spiele sehen, erinnert an düsterste Zeiten, die längst überwunden schienen. Russen, Engländer, Kroaten, immer wieder brennt es nicht auf dem Rasen, sondern auf der Tribüne, und ich frage mich, wie es möglich ist, angesichts höchster Terror-Gefahr dieses Zeug ins Stadion zu schmuggeln. Oder aufs Spielfeld zu rennen, um mit Ronaldo ein Selfie zu knipsen.

Ronaldo wiederum mag ich nicht besonders, aber die Art und Weise, wie hämisch und zerstörerisch mit ihm nach dem ersten Spiel gegen meine Isländer umgegangen wurde, gefällt mir nicht. Alle gegen einen – das war schon immer Scheiße. Manchmal, so scheint es mir, springt eine große Hysterie-Maschine an, die jeden verbrennt, der auf den Scheiterhaufen gestellt wird. Gerne auch auf unterstem Niveau.

Nationalismus in fiesester Form

Die Neigung, Dinge aufzubauschen, ist auch ein Phänomen dieser Europameisterschaft. Fußball wird gesellschaftlich immer wichtiger, das ist klar, doch er wird auch immer politischer. Russische Hooligans sind so etwas wie Putins schlagende Vorhut, Englands Hooligans begrölten den „Brexit“ und die Türken machen für ihr Ausscheiden natürlich nicht lausig miese Spiele verantwortlich, sondern wittern eine Verschwörung der Italiener, die angeblich absichtlich gegen Irland verloren. In den Sozialen Netzwerken erinnerte das manchen an Muster aus dem Ersten Weltkrieg, darunter geht es nicht mehr.

Irlands Fans, die sich gewohnt souverän durchs Turnier saufen und singen, sind einer der wenigen Lichtblicke, und „meine“ Isländer. Die Aussicht, dass dieses kleine Land im Atlantik weiter die Großen ärgert, könnte mir eventuell noch die EM retten. Oder ein gutes Spiel unserer Mannschaft, wir werden es nachher sehen.

Nennt mich ruhig Heuldochson.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, ist ein alter Seemann aus Hamburg. Er fuhr jahrzehntelang zur See. Gerade erschien seine Biographie “Sturmwarnung”.

Von Käptn' Schwandt

Kapitän Schwandt

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