KAPITÄN SCHWANDT: Leben in Absurdistan

26 Jan 2016

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich die Nachrichten im Internet lese und mich zurück auf See sehne, weit nach draußen. Einer dieser Tage, an denen man glauben möchte, die Welt sei nicht verrückt geworden, sondern komplett durchgedreht. Es sind nicht die alltäglichen Wirr-Meldungen, die mich stören: Neue Pöbeleien der rechtsextremen Trottel namens AfD, „Crazy Horst“ Seehofer, der mal wieder einen Drohbrief ans Kanzleramt schickt oder ein Extremsportler namens Baumgartner, dem beim Sprung aus dem Himmel doch irgendwas im Kopf kaputt gegangen sein muss, weshalb er jetzt Stimmung gegen Flüchtlinge macht.

Nein, heute ist es schlimmer.

# In Italien lässt man Statuen im Vatikan verhüllen, um beim Staatsbesuch die „religiösen Gefühle“ des iranischen Präsidenten und Geistlichen Hassan Rohani nicht zu verletzen. Es geht um Geschäfte im Wert von 17 Milliarden Euro – da kann man die eigene Kultur schon mal verleugnen! Am gleichen Tag vermeldet Amnesty International, dass Dutzenden Jugendlichen im Iran die Todesstrafe droht und so viele Urteile wie noch nie vollstreckt wurden. In der Amtszeit Rohanis waren es knapp 2000.

Seit Juni 2013!

Bei einem Gegenbesuch im Iran, so vermute ich, werden aus Respekt vor dem christlichen Glauben bei öffentlichen Steinigungen oder dem Amputieren von Gliedmaßen die Delinquenten auch verhüllt. Ach, was sind wir doch alle taktvoll!

Im Ernst: Ich finde es gefährlich, die eigenen Werte so zu verraten. Wie SPD-Chef Gabriel, der auf seiner eigenen Schleimspur in den Iran rutschte. Wo bleibt die Glaubwürdigkeit in anderen Fragen? Es ist auch dieser Mangel an Rückgrat, der Menschen verunsichert und die weniger hellen an die politischen Ränder treibt, wo einfache Antworten geboten werden.

# Der russische Außenminister ermahnt die deutsche Bundesregierung, ein Verbrechen nicht zu vertuschen. Es geht um den Fall einer 13-jährigen, die in Berlin für 30 Stunden verschwandt. Russische Medien behaupten, sie sei vergewaltigt worden – was Berliner Polizei und LKA bestreiten. Eine Allianz aus Russland-Deutschen, Linkspartei und Pegida-Anhängern – welch erlesene Mischung – demonstrierte vor dem Berliner Reichtstag wegen eines Verbrechens, das es nicht gab. Und der Außenminister eines Landes, das einen abtrünnigen Agenten mitten in London teuflisch mit Polonium ermordete (und die Verseuchung vieler Menschen in Kauf nahm), und das in Syrien nachgewiesenermaßen Krankenhäuser bombardieren ließ, erteilt nun Nachhilfestunden in Sachen Rechtsstaatlichkeit.

Eigentlich kann man sich das gar nicht ausdenken. Ich gehe erst mal eine rauchen.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg.

 

Von Käptn' Schwandt

Kapitän Schwandt

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