KAPITÄN SCHWANDT: Offener Brief an die AfD

23 Jan 2016

Sehr geehrter Herr Gauland,

ich schreibe Ihnen diesen Brief, weil ich nicht schweigen kann zu dem, was Sie und Ihre AfD in unserem Land treiben. Mit Ihren Lügen, mit Ihren Übertreibungen, mit Ihrer Hetze gegen Flüchtlinge und Minderheiten gefährden Sie den inneren Frieden. Ich möchte dennoch sachlich bleiben, obwohl mich Ihre Rhetorik und Wortwahl der vergangenen Tage wütend macht.

Wir beide gehören einer Generation an, die direkt unter den Folgen des Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit gelitten hat, auch wenn wir nicht Verursacher des unendlichen Leids waren, das Deutschland über die Welt gebracht hat. Dafür waren wir zu jung. Nun, 83 Jahre nach Machtergreifung Hitlers, stehen Sie auf einer Bühne und sprechen Worte wie „Volkskörper“ und „Volksgemeinschaft“ aus, Begriffe der Ideologie des Dritten Reiches, und vergleichen Flüchtlinge mit „Barbaren“, die das Römische Reich überrannt haben.

Was, Herr Gauland, geht in Ihnen vor, wenn die Menge dazu grölt?

Wo Sie aufgewachsen sind, weiß ich nicht, aber ich erinnere mich gut an die harten Nachkriegswinter im zerbombten Hamburg. Unser Alltag war geprägt von Hunger und Kälte. Wir Kinder haben die Drangtonnen der englischen Besatzungsarmee durchwühlt und schätzen uns glücklich, wenn wir ein Stück matschiges Weißbrot fanden. Meine Kindheit war jahrelang von einem Kampf ums Überleben geprägt. Alles drehte sich um die Frage, ob es morgen etwas zu essen gab. Wenn Sie dies lesen, werden Sie meine Haltung in der Flüchtlingsfrage hoffentlich verstehen.

Meine Eltern waren Parteimitglieder, mein Vater Oberstabsführer der NSKK, ein ewig Gestriger. Es gab viele Kämpfe zu Hause. Erst nach vielen Jahren brachte ich meine Eltern zur Einsicht. Ich habe mir geschworen, Gedankengut der Rechtsextremen ungeachtet der Konsequenzen vehement entgegen zu treten. Was ich nun beobachte, macht mir Sorge. Ich hätte vor wenigen Jahren noch für unmöglich gehalten, was sich im Januar 2016 auf Deutschlands Straßen und Plätzen abspielt – und dass ich jemandem wie Ihnen einen Brief schreibe.

Das aggressive Auftreten der AfD und der Pegida erinnert mich an die Aufmärsche der SA. Ihr Parteikollege Höcke redet wie der Teilnehmer an einem Joseph Goebbels-Imitatorenwettbewerb und beschuldigt die Kanzlerin, direkt an den Verbrechen der Silvesternacht beteiligt gewesen zu sein. Wie unglaublich geschmacklos. „Die Geister, die ich rief, werd’ ich nicht wieder los!“ Dieser Satz stammt von Goethe. Haben Sie keine Angst, daß Sie die Geister, die Sie rufen, schon bald nicht mehr kontrollieren können?

Auf eine Freundlichkeitsfloskel zum Abschied verzichte ich.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. 

 

Von Käptn' Schwandt

Kapitän Schwandt

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