KAPITÄN SCHWANDT: Die Tage der Rattenfänger

05Jan2016

Noch sind die Ermittlungen der Polizei im Gange, doch für die AfD und für viele Rechtsausleger im Netz steht längst fest, wer die Täter der Silvester-Überfälle in Köln sind: Flüchtlinge. Viele Lügenmärchen, die in den vergangenen Monaten lanciert wurden, scheinen sich nun zu bestätigen. Es sind die Tage der Rattenfänger. Ich finde das widerlich. Was in der Silvesternacht geschah, ist ein schweres Verbrechen, das hart bestraft gehört. Deshalb sollten wir als Gesellschaft aber nicht unsere Grundwerte über Bord werden!

Was aber können  pauschal alle Flüchtlinge aus Kriegsgebieten dafür? Was die Familie aus Syrien? Was zum Beispiel “meine” vier Brüder aus Damaskus? Welche Schuld tragen daran Menschen, die nun unter Generalverdacht gestellt werden?

Kapitän Schwandt im Hafen

Mir stellt sich eine weitere Frage:

Warum war es nicht möglich, die Täter zu ermitteln – und nicht sofort auszuweisen?

An gleicher Stelle randalierten vor einem Jahr Hooligans und versetzten die Innenstadt in Angst und Schrecken. Auch in diesem Fall konnten nur wenige Täter gefasst und ermittelt werden – und wenn es gelang, waren die Strafen gering. Die Erfolgsquote, Rechtsextremen auf die Spur zu kommen, die Flüchtlingsheime angreifen, ist ebenfalls gering.

Schafft es die Polizei noch?

Einige Politiker, die heute vor den Kameras (zurecht!) ein hartes Durchgreifen des Rechtsstaates fordern, haben durch ihr Handeln dafür gesorgt, dass unsere Polizei Probleme hat, ihren rechsstaatliche Aufgaben nachzukommen. Die Länder haben ihre Polizeikräfte bis auf ein Mindestmaß herunter gefahren, alles Budgets extrem auf Kante gestrickt. Die Polizei war schon überfordert mit den bisherigen Alltagsaufgaben und schiebt einen Berg von Überstunden vor sich her. Ermittlungen in einem Täter-Umfeld wie in Köln sind extrem schwierig und zeitaufwendig. Ich könnte mir vorstellen, daß die Kollegen angesichts dieser Flut von Problemen resignieren.

Während meiner Tätigkeit als Kapitän eines Zollkreuzers habe ich Ähnliches erlebt. Als die Rauschgiftkriminalität zunahm und es immer mehr Drogentote gab, verkündeten die Politiker, daß man jetzt und sofort mit vollem Einsatz dagegen vorgehen wolle. Das hat mir nur ein müdes Lächeln entlockt, denn bei uns wurde Personal abgebaut, freiwerdende Stellen nicht wieder besetzt. Man wollte öffentlichkeitswirksam den Rauschgifthandel bekämpfen, kürzte aber heimlich die Haushaltsmittel und sparte an der Instandsetzung der Zollkreuzer. Wir kämpften buchstäblich um jeden Kugelschreiber.

Bei dieser Welle von neuen Aufgaben ist es das Gebot der Stunde, sofort und unverzüglich die Polizei zu verstärken – und den Rechtsstaat zu schützen. An uns allen liegt es, Ruhe zu bewahren. Und genau hinzusehen, wer in einer aufgeheizten Atmosphäre welche Interessen verfolgt.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg.

Von Käptn' Schwandt

Kapitän Schwandt

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