ALLEIN AUF DEM OZEAN: Eine junge Schiffsoffizierin erzählt

10 Apr 2016

Die Schiffsoffizierin Carolina Asenjo Riquelme, 1985, ist in ihrer Reederei die einzige Frau auf der Brücke. Hier erzählt sie ihre Geschichte. 

 

Carolina Riquelme

 

“Die schönsten Stunden erlebe ich, wenn über dem Meer alles ganz still ist. Wenn ich nachts Brückenwache halte und die „SPL Atacama“ über den Ozean steuere. Ich trage dann Verantwortung für den 180 Meter langen Schüttgut-Frachter und über alle Seemänner an Bord. Ein schönes Gefühl, aber auch eines, das mir Respekt einflößt. Ich mag auch den Morgen, sobald das Meer in warmen Farben leuchtet. Manchmal denke ich: ‚Was für ein Geschenk, diesen Beruf zu haben. So etwas erleben zu dürfen – und noch dafür bezahlt zu werden.’

Vor kurzem hat man mich zur Zweiten Offizierin befördert. Eine Frau in dieser Position ist eine Besonderheit in der chilenischen Seefahrt. In meiner Reederei bin ich die einzige Frau auf der Brücke eines Frachters. Seeleute sind abergläubisch, und auf manchen Schiffen denkt man tatsächlich noch, dass Frauen an Bord Unglück bringen. Auf der „SPL Atacama“ habe ich von solch einem „Unsinn“ nie etwas gemerkt. Ich kam im Alter von 25 Jahren an Bord, was für diesen Posten recht jung ist. Viele Kollegen halfen mir, mich zurechtzufinden. Selbst wenn es so sein sollte, dass jemand hinter meinem Rücken lästert, beschäftigt mich das wenig. Die Crew ist wie eine Familie für mich, und unser Kapitän steht über allem wie ein Vater.

Schüsse auf dem Dock!

Ich stamme von einem kleinen Bauernhof in den Bergen im Süden von Chile. Meine Geschwister und ich packten täglich bei der Feldarbeit mit an und versorgten die Kühe. Im Winter froren wir, denn es wurde sehr kalt bei uns in den Anden. Ich mag das einfache Leben auf der Farm, doch ich wollte etwas Anderes für mich. Nach der Schule studierte ich zunächst Schiffsbau. Zur Ausbildung gehörten Grundkenntnisse der Navigation. Wie man sich mitten auf dem Meer nur anhand der Sterne orientieren kann und seine Position findet, faszinierte mich. Ich entschied, zur See zu fahren. Auf meinen Reisen habe ich schon einiges erlebt.

In einem Hafen der Elfenbeinküste bewachten UN-Soldaten das Schiff und die Reis-Ladung, um Plünderer und Verbrecher abzuschrecken. Nachts peitschten Schüsse über das Dock, in dem wir mehr als drei Wochen lang lagen, und es war zu gefährlich, den Frachter zu verlassen. Die Armut, die ich in Afrika und in Teilen von Asien erlebte, hat meine Perspektive auf viele Dinge verändert. Ich lebe bewusster und bin dankbarer für das, was ich habe. Und ich achte darauf, im Alltag anders zu handeln: Beispielsweise gehe ich mit Lebensmitteln sehr viel bewusster um. Die „SPL Atacama“ wurde mein zweites zu Hause. Ich gehörte zur Crew, die das Schiff in der Werft in Südkorea übernahm und zur Jungfernfahrt quer über den Pazifik steuerte, 18.000 Kilometer weit über den großen Ozean. Als nach 25 Tagen der Hafen von Lirquen in Sicht kam und wir die chilenische Flagge aufzogen, waren alle an Bord bewegt.

 

Unser Schiff transportiert bis zu 200.000 Tonnen Salz im Jahr, aber auch andere Güter wie Soja oder Reis. Wir sind hauptsächlich an den Küsten von Südamerika unterwegs, von Peru und Kolumbien bis runter nach Feuerland. Den Hafen von Rio de Janeiro mag ich besonders: Die Schönheit der Landschaft, das warme, aber nicht zu heiße Klima, die Freundlichkeit der Menschen. Rio ist meine Traumstadt. Einen Orkan habe ich auf wundersame Weise bislang noch nicht erlebt. Nicht mal südlich des 40. Breitengrades, wo das Wetter regelmäßig schlecht ist und sich die Brecher haushoch auftürmen können. Acht Beaufort und acht Meter hohe Wellen waren das Schlimmste, in das ich bislang hineinfuhr. Für einen alten Seemann gilt dies als ein bisschen Wind und Seegang. Um Kap Hoorn fahren wir nicht, denn dieses Seegebiet ist selbst für Schiffe unserer Größe zu gefährlich. Wir nehmen eine Abkürzung durch die Magellanstraße, die Pazifik und Atlantik verbindet. Meine Mutter macht sich trotzdem Sorgen um mich, weil ihr die Seefahrt nicht geheuer ist.

Familie und Freunde vermisse ich oft. Ich verpasse Geburtstagsfeiern oder Hochzeiten und verbringe manchmal Weihnachten auf See, mit einem kleinen Baum in unserer Offiziersmesse. Diese Einsamkeit gehört zu den Schattenseiten meines Berufs. Auf See haben wir keinen Internetempfang. Wir sind nur in Notfällen über das Satellitentelefon auf der Brücke erreichbar. Drei Monate bin mit der „SPL Atacama“ am Stück unterwegs und habe anschließend vier Wochen Freizeit. Ich verbringe also mehr Zeit des Jahres an Bord als irgendwo sonst. Vielleicht achte ich deshalb so genau darauf, dass es in den Kammern und auf den Gängen sauber ist. Ich predige den Jungs: „Das Schiff ist unser Wohnzimmer. Also passt darauf auf!“ Mein Ziel ist es, Kapitänin zu werden. Die erste im Dienst meiner Reederei, eine der ersten überhaupt in Südamerika. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg – und ich will das Leben an Bord genießen.”

 

Carolina Asenjo Riquelme, Jahrgang 1985, kam in Osborno im Süden Chiles auf die Welt. Wenn sie nicht an Bord eines Schiffes unterwegs ist, wohnt sie auf dem Bauernhof ihrer Eltern.

Porträt-Foto: Uwe Weber

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der K+S AG, aus dem großen Jubiläumsbuch “WIR SIND K+S”. Die Geschichte entstand in Concepcion, Chile.

Von Ankerherz

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