Die Männer verstecken ihre Gesichter unter Sturmhauben und tragen schwarze Sportjacken. Es ist eine größere Gruppe, die Zufahrtsstraßen in den Hafen von Dover versperrt. Erst nach Stunden endet die Blockade, die Englands wichtigste Fährterminals lahmlegt. Keine Verhaftung.
Gewalt gegen Seenotretter
Am Tag darauf kommt es in den Docks von Portsmouth zu Ausschreitungen. Knapp 120 Migranten waren auf einem Schlauchboot aus Frankreich angelandet und sollten in ein Aufnahmelager gebracht werden, was die Vermummten verhindern wollen. Mehrere Polizisten werden in den Schlägereien verletzt – erstaunlicherweise gelingt den Beamten auch in diesem Fall nicht eine Festnahme.
Hinter der Gewalt steht die „Patriot Platform“ des rechtsradikalen Aktivisten Daniel Thomas. Wie es sich für einen „Patrioten“ gehört, der für Recht und Ordnung und den „Schutz von Familien“ eintritt, hat er zwei Jahre im Gefängnis verbracht. Wegen des versuchten Kidnappings eines Mannes, den er fälschlicherweise verdächtigte, ihm Drogen gestohlen zu haben.
"Stop the boats"
„Stop the boats“ – die Proteste gegen irreguläre Migration in Großbritannien fallen immer brutaler aus – und die Seenotretter der RNLI geraten zunehmend ins Visier. Angeheizt werden die Ausschreitungen von Nigel Farage, dem Chef der rechtspopulistischen Partei „Reform UK“, der über einen „illegalen Taxi-Service der RNLI“ phantasiert.

„Taxi-Service“: Die Coast Guard fordert die RNLI bei Seenotfällen an, auch im Ärmelkanal. 9.058 Einsätze gab es 2025, in jedem Wetter, 109 davon auf dem „Channel“, also 1,2 Prozent aller Notfälle. Die Helden der See befreien Frauen, Kinder und Männer aus Gefahr. Sie unterscheiden nicht, wo diese Menschen herkommen.
Es sind Ehrenamtler, die bereit sind, für andere das eigene Leben zu riskieren. Dafür werden sie nun von Rechtsradikalen und selbsternannten Vaterlandsverteidigern körperlich attackiert und in den sozialen Medien fertig gemacht. Sie sollen eingeschüchtert werden. Sie sollen aufhören.
Auf Facebook und Instagram gibt es Aufrufe zu Flashmobs vor Stationen in den Häfen. Aktivisten belästigen Spendensammler – die RNLI kommt wie die DGzRS ohne staatliche Hilfe aus – beschimpfen sie als „Volksverräter“ und streamen dies live. Diverse Kampagnen mit dem Aufruf, die „Lieferanten von Vergewaltigern zu stoppen“, sollen der Organisation die wirtschaftliche Basis entziehen.
Hilferuf der Seenotretter
Die Lage ist dermaßen angespannt, dass sich Peter Sparkes, der Chef der Seenotretter, mit einer Art Hilferuf an die britische Öffentlichkeit wandte. Die Angriffe seien „komplett inakzeptabel in einer zivilisierten Gesellschaft“. Er verurteilte auch die Lügen, die online verbreitet werden.
Männer und Frauen, die auf See ihr Leben für Mitmenschen in Not riskieren, sind das Beste einer Gesellschaft. Sturmhaubenträger und Tastaturhelden, die andere bedrohen und beleidigen, sind das Schlechteste, was eine Gesellschaft hervorbringt.
Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch „North Star“.























