Seit vielen Jahren mache ich publizistisch auf die Gefahren aufmerksam, die von der rechtsextremen AfD für unsere liberale Demokratie, unsere Sicherheit und unseren Wohlstand ausgehen. In Kolumnen, in Büchern, in den „sozialen“ Medien. Wenn ich Rückmeldungen von Anhängern dieser völkischen Sekte erhalte, sind sie fast immer unerfreulich.
In der Regel handelt es sich um Beleidigungen, Drohungen oder Boykottaufrufe gegen meine Firma. Man werde mit mir noch „abrechnen“ und ich solle mir schon ein Land aussuchen, in dem ich nach der nächsten Bundestagswahl (der „Machtübernahme“) mit meiner Familie politisches Asyl beantrage. Bla. Bla. Bla.
Stralsund ist Kabul? Da muss der Doktor ran
Nur selten kommt es zu einer Art Diskurs, wie vor Kurzem mit einem Facebook-Nutzer. Nach den üblichen Worthülsen von den „Mainstream-Medien“ und den „Kartell-Parteien“ schrieb er mir, „Leute wie ich“ seien schuld daran, dass „alles vor die Hunde geht – wie in Stralsund.“
Moment mal: Stralsund?
„Ja, man kann hier nicht mehr leben", kam zurück. Es folgten Vergleiche mit „Kabul“ und der „Dritten Welt“. Ach ja, früher war alles viel besser, also: zu DDR-Zeiten.
Sein Facebook-Profil weist den Absender als Mann mittleren Alters mit einem Faible für zu enge Polo-Shirts aus, der sich gerne auf Kreuzfahrten begibt, seinen tadellos gewienerten Skoda auf Breitreifen fährt und keiner Bierchen-Situation ausweicht. In Kabul war er vermutlich nicht.
Es gibt sie, die "blühenden Landschaften"
Ich reiste als Reporter in die Slums von Kampala, erlebte die Hoffnungslosigkeit in den Wellblechhütten von Dschibuti, das Elend im Krankenhaus von Lilongwe oder den Überlebenskampf in einem Dorf auf einer Müllhalde von Cebu City. Ich kenne auch Stralsund ziemlich gut, für mich eine der schönsten Hafenstädte an der gesamten Ostseeküste. Von Psychologie habe ich keine Ahnung, aber wer diese Welten ernsthaft miteinander vergleicht, sollte vielleicht einen Doktor aufsuchen.
Stralsund: Was für eine schöne, friedliche, kultivierte Hansestadt, in der seit 1990 mindestens eine halbe Milliarde Euro investiert wurde. UNESCO-Welterbe, Ozeaneum, die moderne Museumsinsel und der alte Großsegler „Gorch Fock“, der unter anderem aus EU-Fördergeldern saniert wurde.
AfD: Spaß am Zerstören?
Die Hansestadt ist für mich ein Beweis dafür, wie sich etwas zum Guten entwickelt, in eine „blühende Landschaft“ gewissermaßen, wie viele andere Regionen in den längst nicht mehr neuen Bundesländern auch. In welcher Realität also lebt dieser AfD-Anhänger?
„Kabul, Dritte Welt, DDR-Zeiten, alles geht vor die Hunde.“ Ich dachte einige Zeit darüber nach, was ich antworten sollte. Ich überlegte, ihm Fakten zusammenzustellen und Links zu YouTube-Videos aus Wendezeiten sowie Berichte von Menschen, die aus der DDR über die Ostsee fliehen wollten und dabei ums Leben kamen. Aber macht das Sinn?
Ich schrieb ihm, dass ich sein Ausmaß an Wohlstandsverwahrlosung bedauerlich finde. Offen gesagt: Ich bin ratlos.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch „North Star“.
























