Das Verbot erreicht die Brücke des großen Kreuzfahrtschiffs kurz nach Mitternacht, als die Lichter der ägyptischen Küste bereits in Sicht sind. Der Hafenmeister von Alexandria weist den Kapitän der 277 Meter langen „Scarlet Lady“ an, den Anlauf sofort abzubrechen und in internationale Gewässer umzukehren. Eine offizielle Begründung liegt nicht vor. Doch jeder an Bord versteht, worum es geht.
Schon im Hafen zuvor, dem türkischen Kuşadası, war den Passagieren der Landgang untersagt worden – mit Hinweis auf „moralische Standards“ und „familiäre Werte“. Der Gouverneur der Provinz behauptete, die Kreuzfahrt habe zu „Unruhe in der Bevölkerung geführt.“
Darf man in schwulenfeindliche Länder reisen?
Die meisten der 1860 Reisenden der „Scarlett Lady“ sind schwul, es ist eine LGBTQ-Tour des Veranstalters „Atlantis Events“. Firmenchef Rich Campbell zeigt sich in US-Medien „völlig überrascht“ von der Ablehnung. In den vergangenen Jahren gab es zahlreiche Kreuzfahrten auf der Route, ohne Problem. Warum auch? „Wir respektieren immer die örtlichen Gesetze und Gepflogenheiten, sagt Campbell.
Die Reisen verfolgten keinerlei politischen Hintergedanken; man wolle die Kultur des Landes kennenlernen, essen, einkaufen, Ausflüge unternehmen, was Touristen im Urlaub eben tun. In Ägypten war kein spontaner CSD geplant, sondern ein Besuch der Pyramiden von Gizeh. Diskriminierung ahoi!
Diskriminierung wieder gesellschaftsfähig
Darf man Länder besuchen, die so offen querfeindlich sind? Oder gerade deshalb? In Istanbul gab es bis 2015 einen „Pride March“, an dem sich Tausende beteiligten, bis Erdogans Regierung (die regelmäßig Begriffe wie „Perverse“ benutzt) ein Verbot aussprach. Als im Jahr 2000 einem Kreuzfahrtschiff mit 800 schwulen Touristen die Einreise in Kuşadası verweigert wurde, entschuldigte sich der damalige Tourismusminister. Es komme nie wieder vor, hieß es damals.
Doch die Dinge verändern sich, berichtet Reiseveranstalter Campbell. Rechtspopulismus verändere weltweit das gesellschaftliche Klima. Womit wir bei einem Punkt sind, der mich an dieser Geschichte ebenfalls ärgert: Die Reaktionen in den „sozialen“ Medien in Deutschland.
Offen ausgelebter Schwulenhass unter KI-generierten Bildern eines Kreuzfahrtschiffs voller Regenbogenflaggen. „Rage-Bait“ nennt man das, Clicks durch geschürten Hass. Träume von Torpedos, Beleidigungen aus der Gosse und der Wunsch, diese Politik „zum Schutz der Familien“ doch bei uns zu übernehmen.
Das feiert Karl-Heinz Erdogan.
Rage-Bait auf Kosten von Minderheiten
Nicht mehr versteckt, sondern ganz offen, mit Klarnamen, Arbeitgeber und Privatleben im Profil, und so gut wie immer mit irgendwelchen Wut-Kacheln der AfD. Deren queere Vorsitzende Alice Weidel, die mit ihrer aus Sri Lanka stammenden Partnerin zwei Kinder großzieht, kann Berufliches und Privates so gut trennen kann wie keine Politikerin vor ihr.
Vieles, was gesellschaftlich mühsam erkämpft wurde, erscheint plötzlich wieder verhandelbar. Nach manchen Reaktionen auf eine Kreuzfahrt der „Scarlet Lady“ stellt sich die Frage, ob uns eine Zeitreise droht, zurück in die Zeit der 1950er-Jahre. Ich war noch nie in meinem Leben seekrank, aber bei diesem Gedanken wäre es dann so weit.




























