Vielleicht war es doch ein Unglück, und es ist ungehörig, etwas hineinzuinterpretieren. Andererseits, nun ja, klingt vieles an dieser Geschichte so, dass es nicht die Talente eines Sherlock Holmes braucht, um diverse Details merkwürdig zu finden.
Ein spanischer Unternehmer, Mitte 60, wird vor der Küste Griechenlands vermisst. Gemeinsam mit seiner Ehefrau befand sich der Vorruheständler auf einem Törn von Sizilien zur griechischen Halbinsel Peloponnes, als er beim Reinigen eines großen Thunfischs auf dem blutverschmierten Deck ausrutschte und über Bord fiel. So berichtet es jedenfalls seine Frau, die einzige Zeugin.
Mann über Bord? Frau fährt weiter
„Mach den Motor aus!“, soll er noch gerufen haben, nach Darstellung des Sohnes der Familie, der nicht dabei war, aber die Kommunikation mit den Medien übernommen hat. Doch die Ehefrau schaltete die Maschine nicht aus, und so tuckerte das Segelboot weiter über das Mittelmeer. Wie weit? Das ist nicht ganz klar.
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Fest steht, dass die Ehefrau keinen Notruf absetzte. Nicht eine Stunde, nachdem ihr Mann über Bord ging. Nicht einen Tag danach. Sondern: drei Tage danach.
Carmen, so heißt die gleichaltrige Ehefrau, ist nach Berichten spanischer Medien – die angesehene Tageszeitung „El Mundo“ widmete dem Drama eine große Story - Inhaberin eines Führerscheins für Sportboote. Warum sie so und eben gar nicht reagierte? Warum sie nicht den Schlüssel umdrehte? Oder zum Funkgerät griff und um Hilfe rief, in einem Seegebiet, in dem üblicherweise viele Wassersportler unterwegs sind?
Warten auf den Handy-Empfang
Der Sohn erklärt es mit einer Art „Schockstarre“. Seine Mutter sei vor Schreck „eingefroren“. Also, eingefroren in dem Sinne, dass sie gelegentlich prüfte, ob ihr Mobiltelefon wieder Empfang hatte. Weit draußen auf See funktioniert dies eher schlecht.
Nach drei Tagen, so die Erzählung, habe das Telefon wieder funktioniert und die Mutter einen Bekannten der Familie angerufen, der daraufhin die spanischen Seenotretter alarmierte. Sie gaben den Notfall an die griechischen Kollegen weiter, denen es zügig gelang, die Yacht zu orten und unter Kontrolle zu bringen.
Wo sollen die Retter suchen?
Eine Suche nach dem Vermissten startete. Doch für die Helfer aus Griechenland und Italien stellt sich die Frage: Wo sollen sie anfangen? Zu groß erscheint das Suchgebiet. Laut spanischen Medien beklagt die Familie des Unternehmers einen „Mangel an Informationen“ und fordert, die Suchmaßnahmen nicht einzustellen.
Das Boot liegt im Hafenstädtchen Pylos. Griechische Medien berichten darüber, dass die Ehefrau „unter Schock“ stehe. Ich könnte mir vorstellen, dass die Polizei dennoch ein paar Rückfragen hat.
Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch „North Star“.

























