Das Feuer des Leuchtturms von Helgoland huscht über den Horizont an Steuerbordseite. Achtern ist der kitschigste und orangenste Mond aufgegangen, den ich jemals gesehen habe, und über dem Großmast spannt sich das Sternenband der Milchstraße.
Am liebsten würde ich mich hinsetzen im Knattern der Segel und dem Rauschen der Wellen und einfach nur staunen. Doch das geht nicht.
Nacht auf der Nordsee
Auf dem Oberdeck der „Großherzogin Elisabeth“ bereitet die 00-04-Wache (also die „Hundewache“ von Mitternacht bis 4 Uhr) das nächste Manöver vor. Einigen Reisenden sieht man an, dass sie sich in die Wärme der Koje zurückwünschen. Aber alle packen mit an unter den Kommandos von Hanna, einer jungen Matrosin: „Leute, jetzt kommt echt mal in die Puschen!“

Der alte Dreimaster, von seinen Fans „Lissi“ genannt, 1909 gebaut, in seiner Geschichte schon gesunken, aber nie untergangen, gleitet nur mit der Kraft des Windes durch die Nacht auf der Nordsee. In den Morgenstunden sollen wir den Hafen von Wyk auf Föhr erreichen.
Arbeitsschiff, kein Unterhaltungsboot
Nach der Wache brennen Handflächen und Oberarme von der ungewohnten Arbeit. An Deck: nur glückliche Gesichter. Morgens in der Messe, wenn alle gemeinsam Frühstück essen, mit schwarzem Kaffee und frischem Rührei aus der Kombüse: müde, zufriedene Gesichter. Am nächsten Abend, als wir wieder auf See sind, ebenfalls. Irgendwie kaputt, aber happy.

Die Kabinen an Bord der „Lissi“ sind eng und der Komfort ist ziemlich bescheiden. Es ist eben ein Arbeitsschiff, kein Unterhaltungsboot. Bei Reiseantritt teilt Kapitän Sebastian zu einer Wache ein. Aussetzen? Wäre eine Option, aber nur in der Theorie, denn ich habe es noch nie erlebt, dass sich ein Gast auf diesem Törn mit einem Becher Kaffee in die Messe setzte, während die anderen an den Segeln endlich in die Puschen kamen.
Gemeinsame Arbeit an Deck
Alles an dieser Segelreise ist altmodisch und analog: Die Arbeit an Deck. Die Geschichten von der See aus den Büchern. ChatGPT hilft wenig, wenn man sich ins Fall stemmen soll. Handyempfang gibt es, sofern wir unter Land sind oder an einem Windpark vorbeikommen – aber Nachrichten? Wer will die schon? Diese Tage zwischen den Inseln Nordfrieslands und Helgoland wirken wie eine Reise zurück in der Zeit.

Gemeinsam an einem Tau ziehen, bis die Arme brennen. Gemeinsam essen und dabei reden, obwohl man sich nicht kennt. Darauf achten, dass es den Seekranken an Bord wieder gut geht.
Von der Reise bleiben Fotos im Handyspeicher. Leuchtturm Roter Sand. Sonnenuntergang auf Föhr. Die Lange Anna im Herbstlicht. Doch am wichtigsten ist die Erinnerung daran, was Gemeinschaft bedeutet.
Vielleicht sollte mehr im Leben funktionieren wie ein altmodisches, altes Segelschiff.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch „North Star“.
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