Keine andere Stadt habe ich so oft besucht wie London. Ich mag Spaziergänge an der Themse, die Gassen von Soho und die Wucht der Geschichte im British Museum, die Galionsfiguren unter dem Rumpf der „Cutty Sark“ und den „Dockers Stand“ des FC Millwall. Vergangene Woche war ich wieder dort und erlebte London, wie ich es liebe: lebendig. Energiegeladen. Sicher.
Lügen über London
Auf der Fähre Richtung Greenwich sah ich auf Instagram ein Video von Tech-Milliardär Elon Musk mit der Chefredakteurin des angesehenen Magazins "The Economist". Zanny Minton Beddoes konfrontiert Musk darin mit seiner Unterstützung für die AfD und andere rechtsextreme Parteien in Europa.
Sie spricht ihn auf seine Beschreibungen von London als Hort der Gewalt und marodierender Banden an, die in der Behauptung gipfeln, ein "Bürgerkrieg" in Großbritannien sei "unausweichlich".
Bürgerkrieg, darunter geht es für Musk nicht. Die Journalistin verweist auf Statistiken, die belegen, wie sich die Sicherheitslage verbessert hat. Londons Mordrate beispielsweise liegt 2025 bei rund 1,1 pro 100.000 Einwohner, der niedrigste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1998. Zum Vergleich: New York City 4.5, Chicago 12 und Johannesburg in Musks Geburtsland Südafrika 44.
Musk redet vom Bürgerkrieg
Beddoes beschreibt, dass sie sich jeden Tag ohne Probleme in der Stadt bewege und die Beschreibungen Musks, die er unter seinen 250 Millionen Followern auf X verbreitet, in keiner Weise nachvollziehen könne. Sie fragt:
„Wann waren Sie das letzte Mal in London?“
Musk druckst herum.
„Ist einige Jahre her.“
Einige Jahre her. Wenn überhaupt. Musk reagiert fortan gereizt und erklärt, die Menschen hassten etablierte Medien. Nach dem Interview greift er Beddoes auf X persönlich an und bezeichnet sie unter anderem als „Verräterin des Westens“ und beleidigt sie als „woke NPC“. Ich musste auch nachschauen: Die Abkürzung „NPC“ stammt aus Videospielen und steht für einen computergesteuerten Nicht-Spieler-Charakter, meint also eine Person, die nachplappert, ohne eigene Meinung zu haben.
Angsthasen, AfD und Lügen
Der reichste Mensch der Welt, Inhaber einer eigenen Social-Media-Plattform, dessen Konzerne EU-Fördergeldern in neunstelliger Höhe empfangen, entwirft ein Zerrbild Europas. Seine Erzählung ist eine Dystopie, eine düstere Erfindung, entworfen, um Spaltungen zu vertiefen und ein Narrativ in Trumps Amerika zu etablieren: Nur die extreme Rechte könne den naiven Westen noch retten, der von Migranten überrannt werde. Diesen Mix aus Angsthasengeköttel und glatten Lügen verbreitet auch die AfD.
Die Fähre kam am Prospect of Whitby vorbei, dem alten Pub. Überall am Ufer der Themse saßen Menschen mit Biergläsern, radelten, spazierten mit ihren Hunden, spielten Fußball, genossen den Sommerabend am großen, alten Fluss. Es sah so friedlich aus. Waterloo Sunset.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch „North Star“.



























