Ich bin sicher, dass manche Schiffe eine Seele besitzen. Nicht alle, aber manche. Wer länger darauf fährt, der spürt, wie es sich im Sturm bewegt, wie es arbeitet und ruht und Sicherheit ausstrahlt. Viele alte Seeleute denken das auch und es gibt einen unausgesprochenen Grund, warum Schiffe weiblich angesprochen werden. Schiffe werden zu Vertrauten. Schiffe bieten Schutz. Schiffe bedeuten zuhause.
Flotte der DDR-Hochseefischer
Als einen „Heimatfilm der See“ hat der Regisseur Tom Fröhlich seinen Dokumentarfilm bezeichnet, in dem er vier Trawlern der DDR-Hochseeflotte nachspürt, die nach der Wende nicht im Hochofen landeten. Vier Schiffe, ein Meer von Geschichten, für die Fröhlich, Jahrgang 1989, Sohn einer Werftarbeiterfamilie aus Rostock, von Grönland bis Spanien und von den Färöern bis Hamburg reiste.
„Die Flotte der Hochseefischer war der Stolz der DDR. Sie verloren nie ein Schiff an die See“, sagt der Schauspieler Charly Hübner, bekannt als Kommissar aus dem Rostocker „Polizeiruf“, dem man selbst gerne zuhörte, wenn er die Bedienungsanleitung einer Lenzpumpe vorläse. Das war es dann aber auch mit Pathos.
Wenig Pathos. Kraftvolle Bilder
Fröhlichs „Trawler Tales“ kommen eher nüchtern daher und erzählen von harter Arbeit der Fischer und den Routen, die ihre Schiffe nach dem Sturm namens Treuhandanstalt nahmen. Besonders spannend ist das Schicksal der „Seefuchs“: Erst unter dem Namen „Heringshai“ das Zuhause einer Art schwimmenden Kommune mehrerer Freunde, dann als Rettungsschiff „LIFE“ für die Ärmsten im Mittelmeer unterwegs, liegt sie heute im Hafen von Huelva. Schmuggler wollten damit zuletzt Drogen an Land bringen. Ob die „Seefuchs“ weiterlebt? Das weiß derzeit niemand.

Der Dokumentarfilm zeigt kraftvolle Bilder, hat leise Momente und ist doch ein wilder Ritt, der große Themen anreißt, ohne sie zu erklären: Überfischung, Elend der Migration, manches kommt gar nicht zur Sprache, wie die Rolle der Stasi an Bord der Fangschiffe. Diese Erzählweise ist manchmal anstrengend, sorgt aber dafür, dass Gedanken fliegen. „Es ist das eigene Leben, das auf See an einem vorbeizieht“, sagt einer der Fischer.
Haben Schiffe eine Seele?
Als gegen Ende des Films ein Kran der Abwrackwerft nach dem Bug des Kutters „Blauwal“ greift und ihn zermalmt, zuckt man im Kinosessel zusammen. Oh doch, Schiffe haben eine Seele. Man möchte diese Zerstörung nicht sehen und fragt sich, warum ein Schiff nicht erhalten bleiben kann, das doch angeblich mal der Stolz war. Warum erinnern Städte wie Rostock, Bremerhaven oder Hamburg nicht mehr an diesen Aspekt der eigenen Identität? Auch dies ist ein Verdienst von Fröhlichs Film. „Vom Traum, unsinkbar zu sein“ bleibt ein Traum.
In der letzten Einstellung schmettert „Luv un Lee“, ehemals Betriebschor des „VEB Fischfang Rostock“, das für das Kombinat komponierte „Hochseefischerlied“ durch eine noch erhaltene Halle des Kombinats. Nicht jede Note sitzt, doch es klingt trotzig.
Vorhang, Ende.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch „North Star“.

























