Vielleicht lag es schon daran, dass der Buckelwal „Hartwin“ genannt wurde, was nach einem dubiosen Wettanbieter klingt oder irgendwie nach schnell trocknendem Bauschaum. Hartwin: Das ist kein bisschen niedlich wie „Timmy“ oder „Hope“, sein berühmter Vorgänger.
Keine Hysterie wie bei Wal "Timmy"
Als „Timmy“ oder „Hope“ im April in der Timmendorfer Bucht auf einer Sandbank lag, drehten Teile der deutschen Öffentlichkeit und Medienlandschaft wochenlang und konsequent frei. Polaroids des Walsinns: Proteste wütender „Wal-Waltrauds“ an der Polizeiabsperrung. Morddrohungen gegen Wissenschaftler, die sich für einen Tod eines Wildtiers in Ruhe und Würde aussprachen.
Falsche Tränen und echte Schamanen und Livestreams und Liveticker – nicht nur von der BILD, auch von den Kollegen des NDR. Ein Influencer mit Selfiestick, der immer wieder atemlos seinen angeblichen „Todesmut“ ins Handy diktierte. Ein Meereszirkus für Klicks und Reichweiten und Befindlichkeiten.
Minister verzichtet auf Schlauchboot-Tour
Doch im Falle von Hartwin? Nicht einen KI-komponierten Song habe ich finden können: „Er hat sich das nicht ausgesucht“. Dass der Buckelwal tot im Greifswalder Bodden angespült und obduziert wurde – haben Sie das überhaupt mitbekommen? Interessiert das irgendwen?
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Es gibt keinen Hartwin-Merch, keine Kaffeebecher, kein T-Shirt-Motiv mit Kulleraugen. Umweltminister Till Backhaus, der bewies, dass auch Teile der SPD für dümmlichen Populismus empfänglich sind, wenn eine Fluke winkt, stieg diesmal weder ins Schlauchboot noch trieb er aufrechte Mitarbeiter in den Krankenstand. Ein Denkmal ist anscheinend auch kein Thema.
Alles ist wie sonst auch in der Realität minus Disney-Kitsch, in der Wildtierstationen ums Überleben kämpfen, weil sich kein Millionär mit ADS-Syndrom findet und in der Tierwohl so lange als Herzensthema gilt, bis der Scanner an der Aldi-Kasse piept. „Wal-Walter“, der im Falle von „Hope“ sogar die bis dahin unverdächtigen Streiter von „Sea Shepherd“ beschimpfte, hat Besseres zu tun: Sonderangebote für Thunfischsteaks checken, zum Beispiel, oder patriotische Parolen für die AfD ins Internet tippen.
Forscher warnten vor Qualen
Hartwin tauchte zuerst in der Flensburger Förde auf, dann in Dänemark, schließlich in Wismar, bis man ihn tot auf Rügen fand. Das Obduktionsergebnis weist vier gewaltige und mit Eiter gefüllte Abszesse aus; einer war mehr als einen Meter lang und vierzig Zentimeter breit. Der Wal muss bei jeder Bewegung furchtbare Schmerzen gelitten haben, sagen die Forscher.
Also jene Wissenschaftler, die auch im Falle von „Timmy“ oder „Hope“ eindringlich vor einem Martyrium für das Tier warnten. Für „Hartwin“ wäre ein Transport in einer Barge, wie ihn sein Vorgänger erlebte, eine höllische Folter gewesen. Übelste Tierquälerei, ohne jede Chance auf ein Überleben.
Ich denke, Hartwin hat ziemliches Glück gehabt.
Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Lest sein Mutmacher-Buch "Das muss das Boot abkönnen". HIER bestellen.


























